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Daten und Fakten

Reisedauer:  28. Februar 2019 – 3. März 2019

Reiseroute: Kigali  Gisenyi  Kigali

Highlights: Ruanda 25 Jahre nach dem Genozid: ordentlich, friedlich und freundlich

Kigali

In Uganda hatten wir beschlossen unsere Ostafrikareise früher als ursprünglich geplant zu beenden und die Gelegenheit zu nutzen mit unserem Kumpel Basti einen Roadtrip von Johannesburg nach Kapstadt zu starten. Petra wollte aber unbedingt noch ein paar Tage in Ruanda verbringen und so buchten wir einen Gabelflug von Entebbe über Kigali nach Johannesburg.

Warum Petra unbedingt nach Ruanda wollte? Ruanda wird oft als Musterbeispiel für eine gelungene wirtschaftliche Entwicklung und für die Gleichstellung der Geschlechter genannt. Knapp mehr als die Hälfte der Unterhausabgeordneten sind Frauen, Frauen besetzen 40% der Ministerposten und die Hälfte der Richter im obersten Gerichtshof. Die Frauenquote von 30% in allen Verwaltungsebenen wird überall übertroffen und auch aus den Chefetagen der größten Unternehmen sind Frauen nicht wegzudenken. Nachdem was wir in den letzten Wochen in Ostafrika gesehen hatten, waren wir gespannt das Land zu sehen, was von seinen Nachbarn als sehr ordentlich, sauber und organisiert beschrieben und wegen des Wirtschaftswachstums von rund 6 % beneidet wird.

Bereits auf dem Weg vom Flughafen in unsere Unterkunft konnten wir große Unterschiede zu den anderen Ländern Ostafrikas beobachten. Alle Straßen sahen aus wie neu und der Verkehr floss organisiert dahin. Es gab Ampeln an die sich auch gehalten wurde, jede Spur wurde nur von jeweils einem Auto befahren und auf jedem Motorrad befanden sich maximal zwei Personen, die beide einen Helm trugen. Direkt vorm Flughafen befand sich eine Haltestelle für den modernen Citybus, den man per aufgeladener Chipkarte bezahlt und mit dem man sich entspannt durch die Stadt bewegen kann.

Erzählt man jemandem in Europa, dass man nach Ruanda fahren möchte, wird einem häufig sofort die Frage gestellt, ob das denn nicht gefährlich sei. Denn anstatt Wirtschaftswachstum und Gleichberechtigung assoziieren viele Ruanda vor allem mit dem Genozid an den Tutsis im Frühjahr des Jahres 1994. Obwohl wir noch Kinder waren, können auch wir uns noch vage an die schrecklichen Berichterstattungen in den Nachrichten erinnern. Zwischen April und Juli 1994 töten Hutu-Milizen schätzungsweise 800.000 bis 1.000.000 Tutsis. Soldaten forderten dabei teilweise Hutu-Familien auf ihre eigenen Nachbarn zu erschlagen. Weigerten sie sich oder wurde jemand dabei erwischt, wie er Tutsis versteckte oder schütze, wurde auch dieser getötet. Die Gedenkstätte in Kigali informiert über das unglaubliche Leid und versucht bei der Aufarbeitung der Taten zu helfen. Dort wird erklärt, dass Hutus und Tutsis ursprünglich friedlich miteinander lebten. Erst während des Kolonialismus förderten zunächst die Deutschen und später die Belgier die offizielle Einteilung in Hutus und Tutsis. Tutsis wurden als überlegende Rasse angesehen und daher bevorzugt behandelt und zum Beispiel in höhere gesellschaftliche Positionen gesetzt. Nach der Unabhängigkeit Ruandas im Jahr 1962 verstärkten sich die Konflikte zwischen Hutus und Tutsis. Das Hutu Regime tolerierte dabei Angriffe und Vertreibungen von Tutsis aus Ruanda. Gleichzeitig gab es immer wieder Guerilla Angriffe von Tutsi Rebellen. Der eigentliche Genozid entflammte am 6. April 1994 durch die Ermordung von Präsident Habyarimana dessen Regierungsmaschine beim Anflug auf den Flughafen von Kigali abgeschossen wurde. Obwohl bis heute ungeklärt ist, wer für den Abschuss verantwortlich ist, wurde zum Gegenangriff auf die Tutsis aufgefordert. Die anschließenden Gewalttaten breiteten sich rasch im ganzen Land aus und wurden erst im Juli 1994 durch den Einmarsch und die Machtübernahme der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) gestoppt. Die RPF wurde Mitte der 80er Jahre von Nachfahren ruandischer Tutsi-Flüchtlinge gegründet und wurde von Paul Kagame angeführt, der sich nach der Machtübernahme zum Präsidenten ernannte und bis heute als Autokrat das Land regiert. Kagame zeichnet und verbreitet gerne das positive Bild von Wirtschaftswachstum und Gleichberechtigung ist dabei aber keineswegs unumstritten. Auf der einen Seite wird er als Versöhner gefeiert, der die öffentliche Nennung der ethnischen Zugehörigkeit unter Strafe stellen ließ, auf der anderen Seite ist nach wie vor unklar inwiefern es beim Einmarsch in Ruanda zu Menschenrechtverletzungen von Seiten der RPF kam. Umweltschützer erwähnen lobend, dass Ruanda bereits vor über 10 Jahren ein Plastiktütenverbot einführte und jeder Schwabe wäre stolz auf jeden Ruander, der einmal die Woche seinen Vorgarten pflegen und die Straße kehren muss. Ordnung und Stabilität haben aber einen hohen Preis, denn Presse- und Meinungsfreiheit werden durch Kagame eingeschränkt und jedes Aufkeimen einer starken Opposition unterdrückt. Trotz dieser gravierenden Einschränkungen jeder demokratischen Entwicklung erhält er viel Unterstützung aus der Bevölkerung. Denn anders als in anderen ostafrikanischen Ländern scheint Kagame Korruption besser zu verhindern und gleichzeitig sichtbare Investitionen zu fördern. Aus unserer touristischen Perspektive sahen wir auf jeden Fall einen deutlichen Unterschied zu anderen Ländern der Region und obwohl natürlich jeder Blick hinter die Fassade schwierig ist, hatten wir den Eindruck, dass die Ruander, die wir getroffen haben, stolz auf die Modernisierung und die wirtschaftliche Entwicklung sind.

Unseren kurzen Aufenthalt in Kigali nutzen wir neben dem Besuch in der Gedenkstätte auch für einen Besuch im Inema Art Center. Bei Live-Musik und kalten Getränken traf sich dort ein bunter Mix an hippen Ruander, Touristen, NGO-Mitarbeitern und Künstlern. Für uns war dieser Abend seit mehreren Wochen eine wirklich sehr gelungene Abwechslung.

Gisenyi

Obwohl wir insgesamt nur 3 Tage in Ruanda hatten, wollten wir nicht nur die Hauptstadt sehen und so fuhren wir für eine Nacht an den Kivu See. Eine Entscheidung die wir nicht bereuten, denn aus dem Bus hatten wir immer wiedereinen schönen Blick auf die grünen Berge und uns wurde schnell klar warum Ruanda „das Land der tausend Hügel“ genannt wird.

Die tausend Hügel machen die Landschaft sehr besonders, sind aber auch eine Herausforderung für die vielen Fahrradfahrer. Riesige Lasten unter denen man teilweise das Fahrrad nur noch erahnen kann, müssen zunächst die Hügel hinauf geschoben werden, um dann auf der anderen Seite ungebremst den Berg hinab zu rasen.

Viele Autos sieht man auf den Straßen nicht. Neben den Fahrrädern sind vor allem Fußgänger unterwegs. Nirgendwo sonst waren uns so viele Menschen aufgefallen, die zu Fuß unterwegs waren.

Gisenyi ist ein kleines Städtchen an der Grenze zum Kongo. Direkt hinter der Grenze liegt die kongolesische Stadt Goma, in der die UN-Friedenstruppen stationiert sind. In Gisenyi spürt man nichts von den immer wieder aufflammenden Konflikten zwischen den bewaffneten Milizen auf der anderen Seite der Grenze.

Bei einem schönen Spaziergang durch den Ort und am Ufer des Sees entlang trafen wir zum ersten Mal seit Wochen auf andere Backpacker. Bei unserer ersten Begegnung starrten wir uns im Vorbeilaufen nur gegenseitig ungläubig an. Als wir das andere Pärchen kurz darauf wieder trafen kamen wir ins Gespräch und die Freude nach langer Zeit mal wieder auf andere Reisende zu treffen beruhte auf Gegenseitigkeit. Über mehrere Bierchen und ein Abendessen tauschten wir Erfahrungen und Pläne für die kommenden Wochen aus und freuten uns über diese nette Begegnung. Erst als wir Stunden später angeheitert vor unserem Zimmer standen, bemerkten wir, dass wir wohl zwischen dem ersten und dem letzten Bier, unseren Schüssel verloren hatten. Uns blieb nichts anders übrig als einen Mitarbeiter zu wecken, der leider auch keinen Ersatzschlüssel besaß, uns aber in einem der anderen Zimmer übernachten ließ. Viel geschlafen haben wir in dieser Nacht nicht. Zu groß war die Sorge, was wir wohl am nächsten Tag für den verlorenen Schlüssel und für die Nacht in dem extra Zimmer zahlen müssten. Früh am morgen lief Petra den ganzen Weg ab den wir in der Nacht gelaufen waren und fragte in den Bars nach dem verlorenen Schlüssel. Ohne Erfolg. Als keine Hoffnung mehr bestand, den Schlüssel wieder zu finden, erklärte uns die Managerin verlegen, dass es ihr sehr Leid tät, aber sie nun den Schlüsseldienst rufen würde, und wir diesen bezahlen müssten. Mit vollstem Verständnis willigten wir ein und fragten besorgt wie viel das denn kosten würde. Es tät ihr fürchterlich Leid, wiederholte sie, aber das würde wahrscheinlich ungefähr 2 Euro kosten. Mit Trinkgeld bezahlten wir am Ende mehr als glücklich 4 Euro.

Kigali

Erst spät am Abend kamen wir zurück nach Kigali. Und da unser Flieger schon am nächsten Morgen ging, übernachteten wir in einem Hotel in laufreichweite vom Flughafen. Gerne wären wir noch länger geblieben und wir kommen gerne noch einmal zurück um zu sehen, was aus Wirtschaftswachstum, Gleichberichtigung und Demokratisierung geworden ist.