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Georgien (Teil 2)

Daten und Fakten

Reisedauer:  6 Tage, 18. September 2019 – 24. Oktober 2019

Reiseroute: Tbilisi

Highlights: Sechs Tage Familienzeit!!

Tbilisi

Meine Eltern, meine Schwester Pia und meine zwei kleinen Neffen Frederik (7) und Flo (1) besuchten uns für fast eine ganze Woche in Tbilisi. Die Vorfreude war natürlich riesig, denn wir hatten uns das letzte Mal vor genau 6 Monaten in Köln gesehen. Für mich und ich denke auch für die Anderen, war in diesen Tagen das Wichtigste und Schönste, dass wir die Möglichkeit hatten, Zeit miteinander zu verbringen. Aber natürlich wollten wir auch was von der Stadt sehen. Tobi und ich hatten zwar schon einige Tage in der Stadt verbracht, das Sightseeing aber bewusst nach hinten verschoben. Für den ersten Tag hatte Pia eine Stadtführung auf Deutsch organisiert. Eine super Idee, denn so bekamen wir an einem Tag einen super überblick über die Stadt. Wir starteten an der Sameba-Kathedrale oberhalb des armenischen Viertels am nord-östlichen Ufer der Kura.

Unten am Fluss, in der Nähe der modernen Friedensbrücke, stiegen wir in eine der Gondeln und schwebten über die Stadt hinweg zur Nariqala Festung. Von dort spazierten wir bergab in Richtung der berühmten Schwefelbäder und weiter bis hin zu einem kleinen Wasserfall. Zum Abschluss machten wir einen Rundgang durch die Altstadt bis hin zum Marionettentheater, das in einem ganz besonderen Turm untergebracht ist.

Besonders überraschend für uns: alle Menschen waren auf einmal super freundlich und strahlten uns an. Auf Tobi und mich wirkten viele Leute in Georgien bis jetzt immer schlecht gelaunt und mürrisch. Jetzt wo wir mit zwei süßen, kleinen, blonden Jungs unterwegs waren, wurden wir immer und überall mit offen Armen empfangen. Unser Reisetipp für Georgien: Nehmt euch kleine, süße Kinder mit!

Auch in den folgenden Tagen hatten wir ein schönes Programm. Wir machten eine Stadtrundfahrt mit dem Bus, eine kleine Bootstour auf der Kura und Frederik und ich endeckten einen Geheimgang der vom Fluss bis zu den Schwefelbädern führt.

Tobi, Pia und die Kinder wanderten vom Vake Park bis zum Freizeitpark Mtatsminda, während ich mit meinen Eltern ein bisschen Zeit für uns hatten und in einem Café die Herbstsonne genießen konnten. Danach wurde es für mich aufregend, denn im Freizeitpark wagten Frederik und ich uns auf eine riesige Rutsche und in die Geisterbahn. Wie jeder weiß, bin ich ja ein ziemlicher Angsthase und hasse es mich zu erschrecken. Für mich daher eine richtige Herausforderung.

Entspannt und schön war dann aber der Sonnengang im Riesenrad hoch über der Stadt.

Ein besonders schöner Tag war auch unser Ausflug ins Weingebiet rund um Telavi. Wir mieteten uns einen kleinen Minibus samt Fahrer und fuhren durch die Berge und bunte Herbstwälder bis in Weingebiet. In Zinandali besichtigten wir das Haus des Poeten Alexander Chavchavadze, das inmitten einer wunderschönen Parkanlage liegt.

Im Weingebiet durfte natürlich auch ein kleiner Ausflug in die Weinberge nicht fehlen.

Im Weingut Marani, einem der größten Weinproduzenten Georgiens, lernten wir dann wie aus der Traube auf traditionell Georgische und auf moderne Art und Weise Wein hergestellt wird. Zum Abschluss der Weinführung durften wir dann natürlich auch einige der verschiedenen Weine probieren. Der Wein und die kurvige Rückfahrt wiegte uns schnell in ein zufriedenes Nickerchen.

Unseren letzten gemeinsamen Tag verbrachten wir gemütlich in Tbilisi. Mama, Pia, die Kinder und ich schlenderten über einen der vielen Märkte der Stadt und nachmittags ließen wir uns im Schwefelbad verwöhnen. Wir hatten unser eigenes kleines Bad gemietet, mit heißem und kalten Schwefelwasser und finnischer Sauna. Wie es im Georgischen Schwefelbad üblich ist, ließen wir uns alle natürlich auch von einem Masseur einmal kräftig abschrubben.

Viel zu schnell flogen die gemeinsamen Tage dahin. Es war so schön, dass die Tage danach besonders von Heimweh geprägt waren. Da hilft nur Abwechslung. Neues Land, neue Eindrücke. Am gleichen Tag wie meine Familie verließen auch wir daher das Land in Richtung Aserbaidschan.

Georgien (Teil 1)

Daten und Fakten

Reisedauer:  30 Tage, 08. September 2019 – 08. Oktober 2019

Reiseroute: Batumi  Mestia  Ushguli  Kutaissi  Stepanzminda  Tbilisi  Signagi  Telavi  Tbilisi

Highlights: Party im „Bassiani“, dem Berhain vom Kaukasus

Batumi

Alle Reisenden die schon mal in Georgien waren, schwärmen von drei Dingen: den wunderschönen Bergen des Kaukasus, dem hervorragenden Essen und der Gastfreundschaft der Menschen. Besonders freundlich wirkten die Leute zunächst nicht auf uns. An jeder Ecke hörte man Menschen wild ins Telefon schimpfen, kaum jemand lächelte zurück, wenn man freundlich grüßte und auch im Guesthouse wurden wir eher mit wenigen Worten empfangen. Das kann natürlich auch einfach an einer Sprachbarriere liegen. Uns wurde auch schon oft gesagt, dass sich Deutsch anhört, als würde man heftig miteinander streiten. Nachdem wir uns tatsächlich anfingen vor Hunger anzuzicken, fanden wir ein gut gefülltes georgisches Restaurant und bestellten von allem etwas: kleine gefüllte Teigtaschen, Auberginengemüse, Schwein am Spieß (wir waren ja nicht mehr in der Türkei, sondern in einem christlichen Land), und Adjapuri. Letzteres ist ein Brot in Form eines kleinen Schiffchens, das mit Käse gefüllt ist und auf dem ein rohes Ei aufgeschlagen wird. Darauf kommt dann noch ein großes Stück gute Butter. Da das Brot frisch aus dem Ofen kommt, gerinnt das Ei zumindest teilweise, wenn man es mit einem abgerissen Stücken Brot verrührt. Wahrscheinlich war es dieses rohe Ei, das uns zum Verhängnis wurde. Die nächsten zwei Tage verbrachten wir jedenfalls abwechselnd auf dem Klo. Später haben uns mehrere Georgier allerdings aufgeklärt, dass es ganz normal sei, in Batumi krank zu werden. Alle würden krank und man müsste sich eher Sorgen machen, wenn man gesund bleibt. Der erste Eindruck vom georgischen Essen war nach dieser Erfahrung allerdings eher negativ geprägt.

Wie das Wandern in den Bergen zu beurteilen ist, konnten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht sagen, denn wir befanden uns ja krankheitsbedingt etwas länger als geplant in der Hafenstadt Batumi. Die erinnert durch die neu gestaltete und sehr moderne Promenade sehr an Arkadia in Odessa.

Einige Reihen hinter dem Steinstrand und der Promenade, findet man aber auch einen netten kleinen Altstadtteil mit kleinen Geschäften und Restaurants. Als es uns etwas besser ging, war Batumi also kein schlechter Ort um ein paar Tage zu verbringen.

Mestia

Ab in die Berge. Wir hatten uns in den vergangen Wochen so sehr beeilt, um noch rechtzeitig zum Ende der Wandersaison in Georgien zu sein und das wollten wir jetzt auch nutzen. Als ob der Georgier am Steuer das gehört hätte, gab dieser Gas und katapultierte Georgien schon auf unserer ersten längeren Fahrt unter die Top 3 der schlimmsten Autofahrer der Welt (derzeit auf Platz 1 Albanien, dicht gefolgt von Peru). Angefahren wird in Georgien immer mit durchgetretenem Gaspedal, auch wenn absehbar ist, dass man nach 10 Metern wieder bremsen muss. Ähnlich wie in Peru, wird auch in Georgien gerne noch bergauf vor einer Kuppe oder Kurve zum Überholmanöver angesetzt. Da muss man dann einfach Glück haben und/ oder hoffen, dass das bekreuzigen bei jeder Kirche, an der man vorbeifährt, ein kleines bisschen Gottes Segen bringt. Wir waren nach der Fahrt sehr froh, dass wir die nächsten Tage zu Fuß von einem Ort zum anderen wandern würden. Nachdem wir es uns zunächst für ein paar Tage in unserem kleinen Guesthouse aus Holz gemütlich gemacht hatten, starteten wir die Wanderung von Mestia nach Ushguli.

Tag 1: Die 4-Tages-Tour von Mestia nach Ushguli ist wohl der bekannteste Trek in Georgien. Mitte September ist zwar schon nicht mehr die absolute High Season, aber um mit möglichst wenig anderen Wanderern am Berg zu sein, entschieden wir uns am ersten Tag für eine Abweichung des der normalen Wanderroute. Weiterer Vorteil unserer Route: Wir konnten die ersten 400 Höhenmeter mit einem Skilift abkürzen. 😉

Leider fuhr der Lift nur bis zur Mittelstation, so dass wir trotzdem noch ein ganzes Stück bergan zurück legen mussten. Wer mehrere Tage durch die Berge wandern will, sollte sich darüber aber natürlich nicht beschweren. Oben angekommen, wurden wir mit einer diesigen, aber trotzdem wunderschönen ersten Aussicht auf die Berge des Kaukasus belohnt. Vor allem ein Berg, der Ushba, hat es uns sofort angetan. Mit seinen zwei gleich großen Spitzen, sieht er aus, wie der Kölner Dom.

Oben angekommen, führte der Weg über einen Bergkamm bis zu einer Wetterstation und von dort bergab ins Tal. Dort wollten wir eigentlich unser Zelt für die Nacht aufschlagen, wir konnten aber leider weit und breit keine Wasserquelle finden. Wir mussten also auf der anderen Seite des Tales noch ein paar Kilometer bergauf bis zu einem Campingspot, der auf der normalen Mestia-Ushguli-Route lag und von dem wir wussten, dass eine Wasserquelle in der Nähe war. Der Weg bergauf führt uns entlang einer staubigen, aber kaum befahrenen Schotterpiste. Wir hatten mega Glück, dass schon nach kurzer Zeit zwei Autos angerast kamen, anhielten und uns auf der Ladefläche ein paar Kilometer mitnahmen. Wir waren grade hinten drauf geklettert und Tobi hatte noch einen Fuß auf dem Reifen, da trat der Georgier am Steuer schon das Gaspedal durch und brauste los. Die kurze, schnelle und leicht beängstigende Fahrt sparte uns locker 1-2 Stunden Fußmarsch. Von der Straße, an der wir uns raus schmeißen ließen, war es nur noch eine halbe Stunde zu unserem Campingspot mit schöner Aussicht ins Tal. Wasser war auch nicht weit entfernt und so hatten wir einen guten Platz für die Nacht.

Tag 2: An Tag zwei wurden wir von dem Prasseln von Regen auf der Zeltwand geweckt. Beim Blick aus dem Zelt sah man nur Nebel und Wolken, die zusammen ein einheitliches Grau bildeten. Unsere Wetterapp verhieß nichts Gutes. Es sollte den ganzen Tag regnen und gegen Mittag sogar noch stärker als am Morgen. Zwei Stunden überlegten wir hin und her, ob wir den Regen im Zelt aussitzen und erst am nächsten Tag weiter laufen wollten oder einfach schnell das Zeltabbauen und akzeptieren sollten, dass wir bis auf die Unterhose nass sein würden. Als wir und grade für Letzteres entschieden hatten, hörte es auf zu regnen und wir konnten zumindest unser Campinggear halbwegs trocken verstauen. Kaum losgelaufen, fing es aber wieder voll an zu schütten. Dreieinhalb Stunden später erreichten wir das kleine Dorf Adishi. Die Familie in dem Gasthaus, in dem wir übernachteten, war super nett und wir waren froh, dass wir uns am Ofen aufwärmen und unsere nassen Klamotten auf der Wäscheleine im Wohnzimmer trocknen konnten.

Tobi konnte sich leider nicht so richtig entspannen, denn er hatte Angst, dass sein Handy einen irreparablen Wasserschaden davon getragen hatte. Es hatte den ganzen Tag so heftig geregnet, dass das Wasser auf unerklärliche Weise in die Brusttasche seiner Regenjacke eingedrungen ist, durch die verklebten Nähte aber nicht wieder abfließen konnte. Das hatte zur Folge, dass sein Handy für längere Zeit in der Tasche in einer Pfütze stand und ausgegangen war. Wenn man sein Handy nach einem Wasserschaden noch retten will, gelten zwei wichtige Regeln. Regel Nummer 1: trocken legen, am besten in einem Sack Reis, der die Feuchtigkeit aus dem Handy zieht. Glücklicherweise hatte die Familie sogar einen Beutel Reis, auch wenn die Mutter nicht so recht verstand warum der komische Touri sein Handy in einen Sack Reis steckte. Regel Nummer 2: Handy nicht anschalten! Erst wenn es nach 2-3 Tagen komplett durchgetrocknet ist, darf man einen Versuch starten. Ist noch Feuchtigkeit im Handy kann der Versuch es anzuschalten zu einem Kurzschluss führen, und das Handy ist für immer kaputt. Ihr könnt euch vorstellen, dass Tobi sehr unglücklich, abgefuckt und ungeduldig war und ich mir für die nächsten Tage viel anhören musste.

Tag 3: Am nächsten Tag hatten wir perfektes Wetter, die Sonne schien, die Sicht war klar und all das Wasser was im Tal als Regen runter gekommen war hatte es auf den Bergen geschneit, was die Aussicht noch schöner machte. Als die Kühe sich auf den Weg zur Weide und die Männer mit ihren Sensen in Richtung Feld aufmachten, starteten auch wir unseren Wandertag.

Nach den ersten Kilometern wurden wir von einem Georgier zu Pferd überholt. Auch mit 1 PS ist man hier zügig unterwegs und wir konnten noch grade so ausweichen. Vielleicht war er auch einfach etwas spät dran, denn seine Kollegen warteten schon an der berühmt berüchtigten Flussüberquerung. Wer Angst vor kalten Füßen hat, kann sich für ein paar Euro auf dem Pferd auf die andere Seite des Flusses tragen lassen. Wir entschieden uns gegen das Pferd und für die nassen Füße. Mit anderen Wanderern prüften wir zunächst den Flussabschnitt auf der Suche nach einer seichten Stelle mit geringer Stromschnelle. Eine Gruppe Engländer entschied sich für eine tiefere Stelle, an der aber ein umgeknickter Baum als „Geländer“ diente. Das Wasser ging an dieser Stelle zwar bis übers Knie und drückte kräftig gegen die Beine, aber da man sich an dem Ast gut festhalten konnte, entschieden auch wir uns für diese Stelle. Das Wasser war Eiskalt und die kleinen Steinchen fühlten sich wie Nadelstiche auf der Haut an. Zurück in den Wanderschuhen tauten die Füße aber schnell wieder auf und nach den ersten Metern bergauf waren sie wieder warm und gut durchblutet.

Der darauffolgende Abschnitt war der schönste der ganzen Wanderung! Vor uns tat sich eine riesige Gletscherwand auf, links und rechts davon schneebedeckte Berge und dazu wunderschöne Herbstfarben. Immer wieder hörten wir den Gletscher „bellen“ und sahen große Mengen Eis und Schnee hinabstürzen.

Einen Gletscher zu sehen und zu hören, ist eine wahnsinnig beeindruckendes Naturschauspiel. Oben am Pass angekommen tummelten sich schon viele andere Wanderer und wir hatten eine wunderschöne 360° Rundumsicht auf die Berge.

Auf dem Weg bergab bekamen wir eine Begleitung. Ein süßer Schäferhund wich uns nicht mehr von der Seite. Auch als wir das Zelt unten im Tal aufschlugen und klar war, dass wir an diesem Tag nicht mehr in irgendein Dorf weiter laufen würden, machte er keine Anstalten uns alleine zu lassen. Soviel Zuneigung wollten wir natürlich belohnen und kochten sogar eine Portion Couscous für ihn mit, den er allerdings verschnuppt verschmähte. Die Aussicht auf die Berge war atemberaubend schön und als die Sonne langsam unterging verfärbten sich Die Berge in Rosa- und Rottönen.

Sobald die Sonne unter gegangen war, wurde es bitter kalt und wir machten es uns in unseren warmen Schlafsäcken gemütlich. Erst als es ganz dunkel war, krochen wir noch einmal aus dem Zelt um diesen traumhaft schönen Sternenhimmel zu beobachten. Als Tobi grade noch dabei war, das Bild mit der Kamera einzufangen kamen plötzlich eine Gruppe Männer mit Stirnlampen auf unser Zelt zu. Es war die Bergwacht die freundlich grüßte und weiter zog. Keine Ahnung wer, wo gerettet werden musste, aber überraschend für uns war, dass die Bergrettung in Georgien mit Sturmgewehren auf ihre Rettungsmissionen gehen! Wir hätten uns wahrscheinlich zu Tode erschreckt, wenn wir die Gruppe nicht schon von weitem gesehen hätten und auf einmal Männer mit Sturmgewehren vor unserem Zelt gestanden hätten. So waren wir beruhigt und konnten trotz kälte ganz gut schlafen. Nur ab und zu hörte man das Schnarchen des Hundes der sich so eng wie möglich von außen an die Zeltwand lehnte.

Tag 4: In der Nacht war es so kalt gewesen, dass uns das Wasser im Topf angefroren war. Ein paar Wochen später und wir hätten den Trek vielleicht nicht mehr machen oder auf jeden Fall nicht an diesem schönen Ort zelten können. Sobald die Sonne aufgegangen war und die ersten Sonnenstrahlen in Tal schienen, wurde es wieder schön warm und wir konnten in T-Shirt und kurzer Hose weiter wandern. Der Weg führte durch den kleinen fast verlassenen Ort Khalde und das Dorf Iprali und dann weiter durch einen wunderschönen Herbstwald bis nach Ushguli, dem angeblich höchsten Dorf von Europa.

Ushguli

Wie Mestia, Adishi und viele andere Dörfer in Svanetien ist auch das Aussehen von Ushguli geprägt von den Wehrtürmen aus dem 14. bis 17. Jahrhundert. Die Wehrtürme dienten zum einen als Zufluchtsort bei Angriffen von Außen.

In Svanentien hatte jede Familie und jedes Gehöft ihren eigenen Turm um sich im Falle einer Blutsfede vor der Nachbarsfamilie zu schützen. Es sagt wohl viel über die Herzlichkeit und den Zusammenhalt, wenn man hier sogar Wehrtürme bauen ließ, um sich vor dem eigenen Nachbarn zu schützen. 😉

Die Wachtürme in dieser wunderschönen Landschaft und dazu der Blick auf die Kirche Lamaria vor den schneebedeckten Bergen ist wirklich etwas sehr Besonderes!

Am nächsten Morgen nahmen wir ein geteiltes Taxi zurück nach Mestia. Im Hostel lernten wir Ludwig, einen sehr netten anderen Reisenden kennen und Tobi war mehr als glücklich, als er feststellte, dass sich das trocknen im Reissack gelohnt hat uns sein Handy unbeschadet wieder anging. Happy End einer sehr schönen Wanderung.

Kutaissi

Von Kutaissi selbst haben wir nicht ganz so viel gesehen. Wir waren insgesamt nur zwei Nächte da und insbesondere für Tobi war weniger Kutaissi das absolute Highlight, sondern unser Tagesausflug nach Zqaltubo, 15 Kilometer außerhalb von Kutaissi. Zqaltubo war zu Zeiten der Sowjetunion ein Bedeutender Kurort und es gab unzählige Sanatorien, Hotels, Parkanlagen und Badehäuser. Nach dem Zerfall der Sowjetunion fehlte das Geld, die Gebäude instand zu halten und viele stehen heute leer oder wurden von den Binnenflüchtlingen besetzt. Für Tobi waren die leer stehenden Gebäude eine riesige Spielwiese voller Fotomotive und er wollte immer in noch ein Haus und noch ein Haus und noch ein Haus…

Auf der Suche nach dem nächsten Foto wurden wir von einer alten Dame in eines der besetzten Hotels gewunken. An ihrem Küchentisch in dem kleinen ehemaligen Hotelzimmer wurden wir auf Kaffee und Kuchen eingeladen und mit Hilfe von Google Translate erfuhren wir, dass sie und ihre Familie schon seit über 25 Jahren in dem Hotel wohnt. Aus Dank für die Einladung und als Unterstützung der Familie ließen wir uns natürlich gerne überreden eine kleine  überteuerte Flasche Schnaps zu kaufen.

Stepanzminda

Zurück zum Wandern, denn das war unser Hauptziel in Georgien. Wir hatten in den vergangen Wochen extra beeilt, um rechtzeitig vor Ende der Wandersaison in Georgien zu sein. Deshalb machten wir keinen längeren Stopp in Tbilisi, sondern fuhren direkt weiter nach Sepanzminda, dem kleinen Dörfchen am Fuße des Kasbegs an die Grenze zu Russland. Den mit knapp über 5000 Metern dritthöchsten Berg Georgiens wollten wir natürlich nicht besteigen, aber wir hatten den Plan, eine Mehrtageswanderung in einem der umliegenden Tälern zu machen. Vorher blieben wir aber zunächst zwei Nächte in Stepanzminda. Wir waren super happy mit unserer Unterkunftswahl, denn wir hatten nicht nur ein sehr schönes Zimmer, sondern auch eine perfekte Aussicht auf die Dreifaltigkeitskirche vor dem schneebedeckten Kasbeg.

Am nächsten Morgen schauten wir uns die Kirche aus der Nähe an, stiegen auf einen Nachbarhügel um noch eine schönere perspektive auf Kirche und Berg zu haben und wanderten anschließend noch einige Höhenmeter in Richtung Gletscher. Die Aussicht war super schön und wir hatten wirklich einen sehr schönen Tag.

Wir merkten aber auch, dass wir im Moment einfach nicht mehr so große Lust auf Wandern und vor allem keine Lust auf eine recht beschwerliche Mehrtagestour mit Zelt hatten. Daher folgten wir unserer inneren Stimme und machten das, worauf wir Lust hatten. Und das war, am nächsten Tag nach Tbilisi zu fahren.

Tbilisi

Noch nirgendwo auf der Welt haben wir so viele Leute getroffen, die in Berlin wohnen. In Deutschland und besonders in Berlin, scheint Georgien derzeit das Trendreiseland schlecht hin zu sein. Vielleicht liegt das auch an der viel gelobten Partyszene von Tbilisi. Natürlich ist Tblisis nicht Berlin, aber ein Club wird in Georgien das „Berghain vom Kaukasus“ genannt: das „Bassiani“. Da wir wussten, dass und bald meine Familie in Tbilisi besuchen wird, konnten wir das Sightseeing Programm ohne schlechtes Gewissen auf später verschieben und uns voll und ganz auf das Nachtleben konzentrieren. Wir mieteten uns für ein verlängertes Wochenende in ein AirBnB im armenischen Stadtteil Avlabari ein verließen tagsüber das Haus nur für Spaziergänge und Ausflüge zum Puri-Bäcker.

Die Abende und Nächte verbrachten wir mit Ludwig, den wir in Mestia kennen gelernt hatten und seinem Kumpel Fabi, der für zwei Wochen Georgienurlaub aus Stuttgart angereist war. Nach dem Wochenende können wir guten Gewissens sagen, Tbilisi hat schon sehr viele coole Bars und das „Bassiani“ hat seinen Ruf nicht umsonst. Sehr cooler Club!

Signagi

Am Montagmorgen verabredeten wir uns mit Ludwig und Fabi, um gemeinsam in die Weinregion nach Signagi zu fahren. Alle waren noch leicht angekatert und in typischer Montagmorgenstimmung (obwohl wir natürlich alle nicht arbeiten müssen ;)). Das merkte man insbesondere an der Fahrt im Marschrutka (Minibus). Wir waren alle mega genervt, als wir nach einer Stunden warten immer noch im vollbesetzten Bus an der Haltestelle standen. Als der Busfahrer dann zum dritten mal meinte, wir würden in 10 Minuten losfahren, verlor Fabi die Geduld, stieg aus und legte sich mit dem Fahrer an. Er drohte ihm damit, dass wir gleich alle wieder aussteigen und einen anderen Bus nehmen würden. Es gab natürlich keinen anderen Bus. Das wussten wir, das wusste Fabi und das wusste natürlich erst recht der Busfahrer. Wir warteten also weitere 20-30 Minuten. Dann fuhren wir endlich los.

In eine Weinregion fährt man natürlich vor allem um den Wein zu probieren. Und Georgien ist weltweit bekannt für seinen Wein, weil Georgien als eines der Ursprungländer gilt, in denen schon vor rund 7000 Jahren der erste Wein kultiviert wurde. Wir hatten in den letzten Wochen schon den ein oder anderen georgischen Wein probiert, waren bis jetzt aber noch nicht so richtig vom Geschmack überzeugt. Das liegt vielleicht auch an der Produktionsweise der traditionellen Weine, die noch wie vor tausenden von Jahren hergestellt werden. Bei dieser Herstellung reift der Wein nicht in Holzfässern, sondern in Tonfässern (Quevri genannt) unter der Erde. Der Weißwein bekommt dadurch eine ganz besondere orange-goldene Farbe und einen säuerlichen Geschmack.

Bis jetzt konnten wir uns daran noch nicht wirklich gewöhnen, aber bei einem leckeren Mittagessen mit einem schönen Blick auf Signagi und das darunterliegenden Tal, kamen wir so langsam auf den Geschmack.

Telavi

Telavi hat uns besonders gut gefallen, weil wir dort in Georgien zum ersten Mal auf richtig herzlich nette Menschen getroffen sind. Beim Schneider der Tobis Hose reparierte, im Restaurant in dem wir mehrmals essen waren, und auf dem Markt auf dem uns alle freundlich anlächelten und auf dem Tobi sogar ein riesiger Sack Steinpilze geschenkt wurde. Bei Sonnenschein spazierten wir durch ein kleines Nachbardörfchen, die Weinreben waren schon leicht herbstlich verfärbt und überall roch es nach vergorenen Früchten. Es war alles nichts mega besonderes, aber trotzdem irgendwie besonders schön.

Tbilisi

Zurück in Tbilisi quartierten wir uns diesmal in einem Hostel mitten in der City ein. Und auch an diesem Wochenende fokussierten wir uns insbesondere auf das Nachtleben. Mit Ludwig und Fabi, die pünktlich zum Wochenende ebenfalls wieder in der Stadt waren, trafen wir uns mit Fabi’s Tinderdate und einer ihrer Freundinnen und gingen zunächst ins „Bauhaus“ auf eine Party, die uns von den Mädels als „2010er“-Party angekündigt wurde. Gespielt wurde aber vor allem Hits aus den Anfang 2000er Jahre, die Tobi und mich teilweise an die guten alten Apollo Zeiten erinnerten, und uns gleichzeitig etwas alt fühlen ließen. Als dann der dritte „Black Eyed Peas“ Song das sehr junge Publikum in Ekstase versetzte, machten wir uns auf den Weg in die Drama Bar. Der Club war eher nach unserem Geschmack. Ganz anders als das Bassiani, kleiner, nicht ganz so dunkel, eingerichtet wie eine schicke Wohnung zu Sowjetzeiten (oder wie wir uns das vorstellen würden) und mit einer großen Dachterrasse. Also Bars und Clubs können sie wirklich in Tbilisi!

Trotz der langen Nacht fühlten wir uns am nächsten Tag halbwegs fit. In Tbilisi war das ganze Wochenende Stadtfest mit Livemusik, Kinderbespaßung, viel Essen und Trinken und Ständen an denen die Besonderheiten der Georgischen Kultur in den unterschiedlichen Regionen und im Laufe der Geschichte dargestellt wurde.

Eine Besonderheit ist zum Beispiel die Trinkspruchkultur. Bei jeder kleinen und großen Feierlichkeit oder auch bei einem gemeinsamen Essen, wird eine Person bestimmt, die an dem Abend für die Trinksprüche zuständig ist. Es wird auf den Gastgeber, die Familie, die Gesundheit, Georgien, die Vergangenheit und die Zukunft getrunken. Dabei könne Trinksprüche gerne auch mal 15 Minuten dauern und auch mit Gesang kombiniert werden. Georgische Gesänge mit ihren polyphonen Klängen sind übrigens von den vielen arten der Volksmusik, die wir auf unserer Reise erlebt haben, mit Abstand die schönste Musik.

Wenn ich hier unsere Reise durch Georgien nun zusammengefasst lese, haben wir wirklich viele schöne Dinge erlebt. Während unserer Reise fiel bei uns aber häufig der Satz: „Georgien ist überbewertet!“. Das lag aber wahrscheinlich nicht unbedingt an Georgien, sondern an unseren übermäßigen Erwartungen. Alle hatten immer sooooo von Georgien geschwärmt. Dadurch waren unsere Erwartungen so hoch, dass wir von vielen Dingen, wie Gastfreundschaft, Essen, Wein, Berge, etc. häufig dachten, dass sie einfach überbewertet sind. Es ist einfach immer besser ohne jede Erwartung an neue Dinge heranzugehen, dann hat man meist die schönsten Erlebnisse und wird auf jeden Fall nicht enttäuscht.

So wie unser erster Aufenthalt begann so endete er übrigens auch für mich; mit einem heftigen Darminfekt. Daher verzögerte sich unsere Weitereise und wir starteten erst einen Tag später, ohne große Erwartungen, nach Armenien.