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Daten und Fakten

Reisedauer:  10 Tage, 08. September 2019 – 18. Oktober 2019

Reiseroute: Jerewan  Goris  Jerewan  Dilijan

Highlights: viele Kirchen und endlich mal wieder freundlich lächelnde Menschen

Jerewan

Unser Aufenthalt startete mit der schlimmsten Fahrt dieser Reise und 4 Stunden Todesangst. Das lag aber nicht an Armenien, sondern an unserem georgischen Fahrer der uns in Rekordgeschwindigkeit von Tbilisi nach Jerewan brachte. Er fuhr prinzipiell IMMER auf der Gegenfahrbahn. Wenn Gegenverkehr kam machte er einfach eine dritte Spur auf dem Mittelstreifen auf und selbst, wenn grad überhaupt kein Auto zum Überholen da war, fuhr er auf der linken Spur. Laut Google braucht man für die Strecke 5 ½ Stunden, wir waren in etwa 4 ½ da. Und hatten überlebt.

In unseren Guesthouse fühlten wir uns sofort wohl. Das lag an der sehr netten Besitzerin, die uns mit sehr guten Tipps versorgte und an den zwei süßen Katzen. Wie so oft auf unserer Reise, machten wir auch in Jerewan zunächst eine Free Walking Tour. In Jerewan hatten wir sogar einen unserer besten Guides der gesamten Reise! Er war zwar mit Abstand der Unfreundlichste, aber man muss nicht unbedingt freundlich sein, um viel zu Wissen und dieses Wissen kompetent mit andern zu teilen. Ich kann und will an dieser Stelle nicht alles wiederholen, was wir gelernt haben. Interessant ist auf jeden Fall, dass Armenien das erste christliche Land der Welt ist. Es ist reich an einer langen Geschichte, Kultur und Architektur.

Armenien hat genau wie Georgien eine eigene Sprache und ein eigenes Alphabet. Und auf unserer Tour wurde sehr häufig betont wie viele bekannte Künstler, Wissenschaftler, und Unternehmer eigentlich Armenier sind, z.B. Andre Agassi, Cher (Cherilyn Sarkisian), Hovannes Adamian, Garry Kasparov und natürlich Kim Kardashian, die zur gleichen Zeit wie wir in Jerewan war, um ihr jüngstes Kind taufen zu lassen. Alle Personen, deren Name auf –ian oder –jan enden, haben ganz sicher armenische Wurzeln. Der Boxer Arthur Abraham heißt eigentlich Arthur Abrahamian.

Und wir haben gelernt, dass Armenien mal viel größer war. Zentrum von Armenien war immer der Berg Ararat, der von den Armeniern schon von jeher besonders verehrt wird. Das ist übrigens der Berg auf dem die Arche Noah nach der großen Flut gelandet ist. Der Ararat liegt heute jedoch auf türkischem Boden. Seit 1922 gehört Westarmenien zur Türkei. Die Westarmeiner wurden jedoch schon zwischen 1915 und 1918 verfolgt, vertrieben und ermordet. Beim Völkermord an den Armeniern kamen je nach Schätzung zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Das der Völkermord bis heute nicht von der Türkei anerkannt wird, ist wohl der größte Konfliktpunkt mit dem Nachbarland und ein entscheidender Grund warum die Grenzen zur Türkei dauerhaft geschlossen sind. Das Genozid Museum auf einem Hügel am Rande von Jerewan erinnert auf eindrucksvolle Weise an den Völkermord.

Auch die Grenzen zu Aserbaidschan sind ebenfalls dicht. Mit den östlichen Nachbarn streitet man um die Region Bergkarabach. Bleiben dem land-locked Land nur noch Iran und Georgien als direkten Handelspartner. Iran ist allerdings durch die Wirtschaftssanktionen selbst wirtschaftlich stark geschwächt und Georgien ebenfalls kein besonders starker Handelspartner. Jedes Land braucht aber einen starken Partner und Unterstützer und den sucht sich Armenien in Russland. So viel also zur wirtschaftlichen und geopolitischen Lage des Landes.

Das Leben in Armenien spielt sich größtenteils am späten Abend ab. Vor 10 Uhr morgens hat kein Geschäft geöffnet und die Straßen sind menschenleer. Nach Sonnenuntergang sind die Straßen hell erleuchtet, die Restaurants und Cafés gut besucht und die Menschen flanieren entlang der Parks und der schönen Plätze. Wir ließen uns in diesem Rhythmus ein paar Tage durch die Stadt treiben, aßen hier mal eine türk…. ähm…„armenische“ Pizza und tranken dort einen türk… ach verdammt….„armenischen“ Kaffee.

Goris

Viel Zeit hatten wir in Armenien nicht und uns wurde schnell klar, dass wir nicht alle der tausenden Kirchen und Klöster (keine Ahnung wie viele es wirklich sind) besichtigen werden können. Wir mussten uns also entscheiden und wählten als ersten Stopp die kleine Stadt Goris im Süden des Landes. Dort buchten wir uns ein Zimmer im günstigsten Hostel der Stadt. Wie es meistens so ist, trifft man in der billigsten Unterkunft die nettesten Leute. Nach zwei Tagen fühlte sich unser Hostel an wie eine WG, die schon seit Jahren zusammen wohnt. Tagsüber machte jeder sein Ding, ging spazieren, las oder machte einen Ausflug. Abends wurde in der Küche gekocht und gemeinsam gegessen. Wir wohnten zu sechst in unserer Wohngemeinschaft. Da war zum Beispiel Asumus, ein Däne, der perfekt Deutsch sprach und sich das Reisen mit Übersetzungsarbeiten finanzierte. Er macht, was langsam reisen angeht, Joel in Südamerika Konkurrenz und hatte sich für die Strecke von Deutschland bis Armenien gute 1 ½ Jahre Zeit genommen. Außerdem in der WG, Camilla und Andi, die extra-light (9 Kilo!) und low-budget unterwegs waren und ihr Zelt draußen im Vorgarten aufgeschlagen hatten. Ein schwarzes Schaf hatten wir natürlich auch in der WG-Familie, ein etwas merkwürdiger, viel gereister, zotteliger Typ mit langem Bart (nicht Tobi), der die Küche schnell in ein Schlachtfeld verwandelte, sich über laute Gespräche und Torjubel beschwerte und auf der Klobrille gelbe Tropfen hinterließ. Da wir alle über eine ähnliche Route gereist waren, hatten wir uns jeden Abend viel zu erzählen und verstanden uns super. Wie hatte man Albanien erlebt? Was in der Türkei gesehen? Wo ist der Verkehr am schlimmsten und das Essen am besten?

Von Goris aus erkundeten wir an einem Tag die Höhlenstadt Chndsoresk. Sie erinnert sehr an Kappadokien und war sogar noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts bewohnt. Zusammen mit Asmus erkundeten wir die Höhlen, die Kirchen und wagten uns über die verrostete Hängebrücke in schwindelnder Höhe.

Am nächsten Tag steuerten wir das Kloster in Tatev an. Da es keinen öffentlichen Bus von Goris nach Tatev gibt, mussten wir die 35 Kilometer per Anhalter zurücklegen. Wir fuhren bei einem IT-Fachmann mit, in einem kleinen Transportbüschen und sogar in einem LKW aus dem Iran. Immer mit sehr netten Leuten, mit denen wir uns Dank Google Translate auch wunderbar verstanden. Die letzten Kilometer nach Tatev legten wir aber nicht im Auto sondern in einer Gondel zurück(!), und zwar in nicht irgendeiner Gondel, sondern der Gondel mit der längsten Strecke zwischen zwei Pfeilern!

Der Weg nach Tatev hatte sich auf jeden Fall gelohnt. Nicht nur wegen des Weges, sondern auch weil das Kloster, das malerisch auf einen Felsen gebaut wurde, wirklich ein besonders schönes Exemplar der armenischen Kirchenarchitektur ist.

Jerewan

Mit Asmus fuhren wir am Tag darauf zurück nach Jerewan. Wie auch schon auf der Hinfahrt, legten wir einen ungeplanten Stopp wegen einer Reifenpanne ein. Auch diesmal war der Schaden schnell behoben und der Fahrer wechselte den Reifen sehr routiniert. Scheint wohl häufiger zu passieren, auf den heißen, trockenen Straßen im Süden von Armenien. Wir hätten uns aber keinen schöneren Ort für die Panne aussuchen können, denn wir hatten eine super schöne Aussicht auf den Ararat.

Bei unserem kurzen Zwischenstopp in Jerewan machten wir diesmal nichts Besonderes. Wir gingen mit Asmus schick, armenisch Essen und anschließend in einer der vielen netten Weinbars was trinken. Essen und auch der Wein ist in Armenien übrigens mindestens so gut wie in Georgien.

Dilijan

Auf dem Weg zurück nach Georgien machten wir noch einen Stopp in Dilijan. Wegen seiner vielen Wanderwegen inmitten grüner Berge, wird es auch die Schweiz von Armenien genannt. Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber es ist durchaus ein nettes kleines Städtchen. Als Wanderroute entschieden wir, uns mit dem Taxi zum Kloster Haghartsin fahren zu lassen und von dort die 10 Kilometer zurück nach Dilijan zu wandern.

Irgendwie hatten wir und die Wanderung aber etwas schöner und weniger anstrengend vorgestellt. Den ersten Teil bergauf schleppten wir uns ziemlich durch den Herbstwald. Vielleicht lag es auch an einer schlechten Tagesform, man weiß es nicht.

Oben angekommen hatten wir eine freie Sicht in Tal, die mich allerdings sehr beunruhigte. An mehreren Stellen stieg dichter Rauch auf. Ein Waldbrand, der anscheinend genau auf unserer Route lag. Ich hatte natürlich sofort mega Schiss und hielt es für eine ziemlich schlechte Idee immer weiter auf den Waldbrand zuzulaufen. Tobi fand, ich soll mich nicht so anstellen und wir würden schon einen Weg am Feuer vorbei finden.

Letztlich fanden wir einen Weg am Feuer vorbei. Ich muss an dieser Stelle aber noch mal betonen, dass es sehr knapp am Feuer vorbei ging. Wir konnten die Flammen sehen und knistern hören! Vor dem Feuer hatten wir uns also gerettet, standen dann am plötzlich neben einem Panzer mitten auf einem Militärstützpunkt. Von einem Soldaten in Uniform wurden wir freundlich zum Ausgang begleitet. Zum Glück gab’s keinen Ärger und uns wurde freundlich zum Abschied gewunken. Und die letzten Kilometer mussten wir sogar nicht laufen, sondern wurden in einem kleinen Feuerwehrauto von einem der Nationalparkmitarbeitern mitgenommen. Alles nochmal gut gegangen, aber es war insgesamt eine weniger schöne und dafür sehr aufregende Wanderung. Wir bleiben danach noch einen Tag länger, allerdings ohne eine weitere Wanderung. Irgendwie fehlte uns derzeit die Wandermotivation. Wir machten es uns lieber im „Café Nr. 2“ gemütlich und unterstützten mit jedem leckeren Kaffee, Kuchen, Mittag- und Abendessen das Projekt des Cafés, dass junge Erwachsene eine Chance gibt, sich in der Gastronomie zu versuchen, Erfahrungen zu sammeln oder eine Ausbildung zu machen.

Und so endete unser kurzer, aber sehr schöner Armenienaufenthalt. Mit einem Minivan, glücklicherweise diesmal mit einem armenischen Fahrer, fuhren wir zurück nach Georgien. In großer Vorfreude, denn noch am gleichen Tag würde meine Familie in Tbilisi landen!